
Ist es offensichtlich, sich beim Thema Mutterschaft mit Courbets ikonischem Werk Der Ursprung der Welt zu beschäftigen? Essentiell ist vielmehr folgende Frage: Mit welchem Blick betrachte ich es?
Ich sehe einen auf dem Rücken liegenden Akt. Allerdings ist dabei nicht wie klassisch bei dieser Gattung der ganze Körper dargestellt, sondern nur dessen mittlere Partie von der Brust zum Oberschenkel. Noch außergewöhnlicher ist dabei die frontale Ansicht und die schamlose Nähe die der Betrachter zum Körper hat. Die Beine sind so weit gespreizt, dass die Vulva zur Schau gestellt wird. Subjekt statt Objekt: Sie wird als Hauptmotiv wie porträtiert, weder der Körper noch dahinter die Person. Die hellrosa Haut wird von einem weißen Tuch umhüllt, das über die linke Brust fällt. Dies erzeugt den Eindruck, dass das Tuch hochgezogen wurde, um die Nacktheit zu enthüllen. Die rechte Brust rückt in den Hintergrund. Das Ganze wirkt wie ein Spiel aus Verstecken und Zeigen – verstörend, provokant, erotisch, sinnlich. Der Pinselstrich ist weich, die Palette verrät eine authentische Körperlichkeit, insbesondere durch den Kontrast mit dem braunen Hintergrund. Eine lebendige Vulva, die einladend inszeniert wird.
Die Vulva einer Frau symbolisiert aber mehr als sexuelle Begierde, als Fleischeslust. Der weibliche Organ verweist gleichzeitig auf den Geschlechtsverkehr, der eine Fortpflanzung in Gang setzen kann. Sie ist die Tür zur Gebärmutter, durch diese Öffnung kommen wir, dem natürlichen Weg nach, zur Welt. An der Brust werden Neugeborene gestillt. Dieser Bauch hat das Potenzial zu gebären.
Also: Geliebte oder Ehefrau? Hure oder Mutter?
Das Gemälde wird in folgendem Kontext produziert: Es ist Mitte 19. Jahrhundert, Gustave Courbet (1819 – 1877) ist einer der Hauptvertreter des Realismus. Seine Malerei zeigt Frauen nicht länger als Göttinnen oder Madonnen sondern eben als normale Menschen, Zeitgenossinnen. Der osmanische Diplomat und Kunstsammler Khalil Bey (1831 – 1879) gibt Courbet zwei Werke in Auftrag: Die Schläferinnen – Trägheit und Wollust und Der Ursprung der Welt (beide werden 1866 angefertigt). Der Sammler behält die Werke bloß zwei Jahre lang, da er 1868 wegen Geldmangel seine ganze Sammlung verkaufen muss.
Im Falle des zweiten Bildes will Khalil Bey ein Souvenir seiner Liebhaberin Constance Quéniaux (1832 – 1908) haben, eine Balletttänzerin der Pariser Oper und Kurtisane. Er hängt das Gemälde hinter einen Vorhang, für die damalige Zeit wie eine pornografische Erinnerung. Es bleibt unklar, ob sie verlangt, dass ihr Gesicht nicht gezeigt wird, oder ob diese Idee von Courbet oder Khalil Bey selber kommt. Die Aktdarstellung wird jedenfalls anonymisiert, der Fokus liegt auf die Vulva. Quéniaux fällt aus dem Bild heraus.
Courbet löst die provokante Geste sehr geschickt, indem er für das im Format kleine Werk (46,3 x 55,4 cm) den tiefgründigen und höchst symbolischen Titel L’origine du monde auswählt. Ein paar Jahre davor blieb er für Die Frau mit den weißen Strümpfen (1864) beschreibend, ein weiteres Werk voller erotischer Spannung wo der Schritt der Frau leicht gezeigt wird. Mit Der Ursprung der Welt vermeidet er einen Skandal und gibt dem Werk eine andere, fast mystische Dimension. Die Abbildung der Vulva von Constance Quéniaux bleibt nicht das erotische Motiv, das sein Auftraggeber in seiner Privatsphäre konsumiert, sondern gelingt durch die Augen des Malers zum universalen Bild, das den Ursprung der Welt veranschaulichen will: Woher kommen wir? In diesem Unterleib wächst das Leben, durch die Öffnung der Vulva beginnt die Erfahrung der Welt.
Wir sehen also einerseits die Reduzierung des weiblichen Körpers als erotisches Objekt, das Auslöschen der Identität einer Frau, die sich prostituiert und übrigens, so weit wir wissen, kein Kind zur Welt gebracht hat. Diese Lesart des Werkes sorgt für große Unruhe während der MeToo Debatte.
Die Faszination des Werkes liegt in dieser doppeldeutigen Lesart: es kann gleichzeitig als Hommage an die Fruchtbarkeit interpretiert werden, zwar nicht nur wegen des Motivs sondern auch wegen des Titels. Courbet hat es geschafft, eine Frauendarstellung voller Ambivalenz, mit all ihrer sexuellen und biologischen Macht, darzustellen.